Studienhilfe

Wie du in 48 stunden eine wissenschaftliche fragestellung entwickelst, die prüfern überzeugt

Wie du in 48 stunden eine wissenschaftliche fragestellung entwickelst, die prüfern überzeugt

Als Lehrender und Begleiter beim Schreiben wissenschaftlicher Arbeiten habe ich oft erlebt, wie lähmend die Suche nach der richtigen Forschungsfrage sein kann. In vielen Fällen reicht ein strukturiertes Vorgehen, um innerhalb von 48 Stunden eine präzise, prüfer‑taugliche Fragestellung zu entwickeln. Hier teile ich meinen persönlichen Fahrplan, den ich in Lehre und Beratung immer wieder verwende – konkret, praxisnah und überprüfbar.

Warum 48 Stunden?

48 Stunden sind weder ein Sprint noch eine ausgedehnte Recherchephase. Für Studierende in Prüfungsphasen oder bei kurzfristigen Themenvergaben ist das ein realistischer Zeitrahmen, um von einer vagen Idee zu einer klar formulierten, theoriebasierten und operationalisierbaren Forschungsfrage zu kommen. Wichtig ist dabei: Fokus statt Perfektion. Innerhalb dieser Zeit geht es darum, eine solide, verteidigungsfähige Grundlage zu schaffen, nicht das gesamte Projekt abzuschließen.

Meine 6‑Schritte‑Route (für die ersten 48 Stunden)

Die Methode lässt sich in sechs klaren Schritten abarbeiten. Ich empfehle, die Schritte in Blöcken zu planen: zwei intensive Tage mit festen Zeitfenstern für Lesen, Notizen und Formulieren.

  • Stunde 0–2: Thema einschränken – Notiere in 30–60 Minuten, was dich interessiert. Formuliere eine erste grobe Fragestellung (1–2 Sätze). Ziel: Bereich, nicht die finale Frage.
  • Stunde 3–8: Schnellrecherche & Literaturcheck – Nutze Google Scholar, Semantic Scholar, JSTOR oder Fachbibliotheken. Lies Abstracts, Einleitungen und Fazits. Ziel: 8–12 relevante Quellen identifizieren.
  • Stunde 9–16: Theorie & Variablen klären – Welche Konzepte, Theorien oder Modelle passen? Definiere 2–4 zentrale Begriffe und mögliche Variablen (unabhängig/abhängig).
  • Stunde 17–28: Fragestellung schärfen – Arbeite mit „Wenn‑Dann“, „Inwiefern“, „Welche Auswirkungen“ oder „Welche Beziehung“ Formulierungen. Teste Variationen: beschreibend, erklärend, vergleichend, evaluativ.
  • Stunde 29–36: Methodische Überlegungen – Ist die Frage empirisch beantwortbar? Welche Daten braucht es? Quantitativ, qualitativ oder Mixed‑Methods? Skizziere eine einfache Methode.
  • Stunde 37–48: Feinschliff & Prüfer‑Check – Formuliere die finale Frage und ein kurzes Exposé (max. 1 Seite: Relevanz, Theorie, Methode, erwartete Ergebnisse). Lies es laut vor oder lasse eine*n Kommiliton*in drüberschauen.

Wie ich eine Fragestellung auf ihre Qualität prüfe

Beim Feinschliff nutze ich eine kleine Checkliste, die ich hier teile. Wenn du mindestens 6 von 8 Punkten mit „Ja“ beantworten kannst, ist deine Frage in der Regel prüfer‑tauglich.

  • Ist die Frage klar und präzise formuliert?
  • Ist sie in einem angemessenen Umfang für die Arbeit (nicht zu breit, nicht zu eng)?
  • Ist sie theoretisch verankert (nennbare Konzepte/Theorien)?
  • Lässt sie sich empirisch beantworten (Daten/Methoden sind vorstellbar)?
  • Hat sie wissenschaftliche Relevanz (Lücke, Kontroverse oder praktisches Problem)?
  • Ist die Frage originell genug, um im Prüfungskontext Interesse zu wecken?
  • Sind ethische oder rechtliche Hürden erkennbar und adressiert?
  • Kannst du kurz erklären, welche Ergebnisse du erwartest und warum?

Beispiele: Von der Rohidee zur präzisen Frage

Ein paar konkrete Beispiele aus meiner Beratungspraxis, damit du das Vorgehen nachvollziehen kannst.

  • Rohidee: „Schule und Motivation“ → Präzisiert: „Wie beeinflusst Feedback die Lernmotivation von Sekundarstufen‑Schülern?“ → Final: „Inwiefern verändert formatives Feedback die intrinsische Lernmotivation von 9. Klasse Schüler*innen im Fach Mathematik? Eine quasi‑experimentelle Untersuchung.“
  • Rohidee: „Social Media und Lernen“ → Präzisiert: „Welche Rolle spielt TikTok für Lernstrategien bei Studierenden?“ → Final: „Welche Auswirkungen hat die Nutzung von Lern‑TikToks auf die selbstberichtete Anwendung von Lernstrategien bei Studierenden der Bildungswissenschaften?“
  • Rohidee: „Inklusion“ → Präzisiert: „Wie setzen Lehrkräfte Differenzierung um?“ → Final: „Welche Differenzierungsstrategien nutzen Berufsschullehrkräfte im inklusiven Unterricht und wie werden diese von ihnen begründet? Eine qualitative Interviewstudie.“

Praktische Tools und Ressourcen, die ich empfehle

In meinen Workshops nutze ich eine Kombination aus digitalen Tools und analogen Techniken. Hier ein schneller Überblick:

  • Google Scholar / Publish or Perish – Für schnelle Literaturüberblicke und Zitationsinformationen.
  • Zotero oder EndNote – Für Literaturverwaltung; spare Zeit beim Zitieren.
  • Mendeley – Gut für PDFs und Markierungen.
  • Connected Papers – Visualisiert Forschungslandschaften und hilft, Kernartikel zu finden.
  • Mindmaps (z. B. MindMeister) – Für die Strukturierung von Theorie, Variablen und Hypothesen.
  • Analoge Post‑its – Ich schwöre auf sie, wenn es ums Sortieren von Argumenten geht.

Typische Fehler, die du vermeiden solltest

Ich sehe immer wieder dieselben Fallen — vermeide sie, um deine 48 Stunden nicht zu verlieren:

  • Zu allgemein bleiben: „Die Auswirkungen von Technologie auf Bildung“ ist ein Bremsklotz. Enger fassen.
  • Methodik vernachlässigen: Eine tolle Frage ohne realisierbare Methode nützt wenig.
  • Fehlende Theorieanbindung: Prüfende wollen wissen, in welchen Diskurs du dich einordnest.
  • Perfektionismus: In 48 Stunden muss die Frage funktional sein, nicht endgültig.

Wie ich mit Feedback umgehe

Wenn ich die Frage einer Prüferin oder einem Betreuer vorlege, erwarte ich zwei Dinge: Kritik zur Präzision und Hinweise zur Machbarkeit. Ich antworte darauf mit einem klaren Plan: Was ich ändere, warum und welche Ressourcen ich noch brauche. Dieses Vorgehen zeigt Professionalität und erhöht die Akzeptanz der Fragestellung.

Mini‑Vorlage: Kurzexposé (max. 1 Seite)

Nutze diese Struktur am Ende der 48 Stunden, um deine Frage zu präsentieren:

Arbeitstitel Knapp und informativ
Forschungsfrage Eine präzise Frage in einem Satz
Relevanz Warum ist die Frage wichtig? Bezug zur Forschung oder Praxis
Theoretischer Rahmen 2–3 Schlüsselkonzepte / -autoren
Methode Skizze: Stichprobe, Erhebungsinstrumente, Auswertung
Erwartete Ergebnisse Kurz und hypothetisch

Wenn du magst, kannst du mir dein Exposé schicken oder es in den Kommentaren von Fh Zeeland – lernen, erklären, wachsen posten. Ich gebe gern kurzes, praxisorientiertes Feedback — oft lohnt sich ein kleines Feintuning für die endgültige Freigabe durch die Prüfer.

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